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Gestern war ich mal wieder joggen. Ich lief auf ein kleines Kind zu, welches wohl gerade laufen gelernt hatte, aber schon recht sicher auf den Beinen war. Daneben sein Kinderwagen und der besorgte Vater. Er hatte das Kind fest im Blick. Er wirkte extrem besorgt.
Ich kam näher und beobachte dabei beide. Ich glaube, ich hatte eine Vorahnung. Denn als ich direkt neben dem Kinderwagen lief, rannte das Kind plötzlich wie vom Blitz getroffen los. Genau in meine Laufrichtung.

Schreck!

Ich konnte gerade noch an dem Kind vorbei springen, wobei ich sein Kopf mit meiner Hand schütze. Nichts passiert. Ich konnte weiterlaufen. Der Vater sprach wild etwas in englisch. Im Augenwinkel sah ich, dass das Kind von allen nicht viel mit bekommen hatte, es lief vergnügt weiter – der Vater hinterher….
Alle die Kinder haben, kennen es. Kinder sind flink, und haben immer eine Überraschungen im petto .Man kann sie so eng wie man will beschützen. Sie finden ein Weg – wenn sie wollen.
So wie bei diesem Vater: Er hat sich wirklich größte Mühe gegeben und hat ganz eng dem Kind gestanden. Trotzdem ist es los gerannt. Es hat dabei sogar gegrinst, als wollte es sagen: Ätsch, ich entkomme Dir doch!
Was hat das mit Liebe zu tun?
Schauen wir uns dazu die Situation nochmal genauer an:
Der Vater wollte das Kind beschützen. Nur wie hat er es gemacht? Er hat die Variante der engen Nähe und Kontrolle gewählt: Er war ganz nahe bei dem Kind. Ich vermute, es war ihm so sicherer, weil er meinte, es aufhalten zu können, wenn er nah genug beim Kind ist.
Das gab ihm bestimmt Sicherheit.
Das ist doch bei vielen anderen Dingen im Leben auch so, oder? Ich kenne es zu gut: Wenn ich Sicherheit benötige, wenn ich etwas bewahren will, dann tendiere ich dazu, möglichst viel Kontrolle über die Situation zu bekommen, um es bewahren, oder absichern zu können. Je mehr ich mache, je nähre ich dran bin, desto mehr bekomme ich das Gefühl, ich könnte die Situation schützen oder bewahren.
Wie der Vater mit dem Kind.
Und was hat das Kind gemacht: Es hat eine 100stel Sekunde, in der der Vater mich angeschaut hat, genutzt, um weg zu rennen. Mit einem imaginären Ätsch im Gesicht!.
Wenn wir in der Liebe unsere Partnerschaft durch Kontrolle schützen wollen, wenn mir möglichst große Enge erzeugen, weil wir so unsere Partnerschaft sichern wollen, dann kann der Partner oder die Beziehung als Ganzes wie das Kind reagieren:
Er will zeigen, dass er auch ein eigenständiger Mensch ist und bricht in einem unerwarteten Moment aus.
Und je unsicherer wir werden, desto enger wollen wir die Kontrolle führen…. Eine Spirale beginnt.
Was hätte der Vater anders machen können?
Ich nenne es mal Raum-Deckung. Hätte der Vater einen größeren Abstand zum Kind gewählt, dann hätte er den Raum schützen können, in dem sich das Kind bewegt. Er hätte sich dann so hinstellen können, dass ich um den Raum hätte drumherum laufen müssen.
Das Kind hätte dann einen Raum, in dem es sich frei entfalten kann, zusammen mit der Sicherheit und der Geborgenheit, die der Vater in seiner Nähe gibt.
Ist es nicht in einer Partnerschaft ähnlich?
Wenn wir uns als Paar gegenseitig Raum geben, so viel wie jeder für sich braucht, dann kann sich jeder in diesem Raum der Partnerschaft entfalten. Uns zwar ohne, dass die Partnerschaft darunter leidet.
Das betrifft nicht nur eine Partnerschaft. Das trifft doch auf so gut wie alle Beziehungen zu, oder? Z.B. bei der Erziehung von Kindern, besonders dann, wenn sie in der Pubertät sind.
OK, an dem Thema sieht man, dass es nicht ganz so einfach ist.
Dieser Gedanke soll auch keine allgemeingültige Lösung sein.
Sicher kann sich der Vater nicht auf den Fahrradweg hinstellen, wenn auf der anderen Seite des Raumes der Rhein fließt….
Es soll nur ein Gedankenanstoß sein.
Wie verhält es sich bei Dir? Wie sehr kontrollierst Du Deinen Partner oder Deine Partnerin? Viele denken hier gleich an Fremdgehen oder ähnliches. So weit muss es gar nicht gehen. Wieviel Raum gibst Du Deinem Partner bei Entscheidungen? Ganz kleine Dinge, wie z.B. wird nur noch Dein Mineralwasser getrunken? Wird nur noch Deine Sportart durchgeführt? Geht ihr auch noch in seine bzw. ihre Lieblingsrestaurants?
Denke mal darüber die nächsten 5 Minuten darüber nach. An welchen Stellen könntest Du mehr Raum gebrauchen (da fällt Dir bestimmt viel ein) und an welchen Stellen könntest Du Deinem Partner oder Partnerin mehr Raum geben?